Some ideas…
Am Anfang steht die konkrete Vorstellung einer Komposition in einem zuvor erforschten Raum.
Stellt man sich eine Komposition visuell vor, sucht man nach der Situation, die diese Vorstellung so genau wie möglich trifft. Außerhalb des Studios, wo Licht, Bewegung und Farbe kontrolliert werden können, ist eine perfekte Situation nicht zu erreichen.
Erst in der digitalen Dunkelkammer wird aus der Aufnahme ein Werk.
In der Fotografie hat Thomas Struth mit seinen Museum Photographs gezeigt, wie Menschen Kunst betrachten.
Seine Bilder sind ruhige Beobachtungen musealer Situationen.
Mich interessiert ein anderer Punkt: der Moment, in dem aus Kunst und Körpern selbst wieder ein Werk entsteht.
Was die Kamera erzeugt, ist zunächst kein fertiges Bild. In der digitalen Fotografie liegt zunächst ein Datensatz vor – etwa eine RAW-Datei. Auch ein JPEG ist letztlich nichts anderes als ein bereits von der Kamera interpretiertes Bild.
Der Medienphilosoph Vilém Flusser hat diesen Zusammenhang früh beschrieben. Fotografien entstehen nicht einfach aus der Wirklichkeit, sondern innerhalb der Kategorien des Apparats, der sie hervorbringt.
In diesem Zusammenhang verweist Flusser ausdrücklich auf Immanuel Kant. Bei Kant sind Raum und Zeit keine Eigenschaften der Welt selbst, sondern Formen unserer Wahrnehmung. Wir sehen die Welt immer bereits durch diese Kategorien hindurch. Ähnlich verhält es sich mit der Kamera: Auch sie organisiert Wirklichkeit durch ihre eigenen Kategorien.
Das Bild entsteht daher nicht unmittelbar aus der Welt, sondern aus dem Zusammenspiel von Wirklichkeit, Apparat und Entscheidung des Fotografen – weil der Fotograf letztlich das Auge der Kamera ist.
Die malerische Wirkung vieler meiner Fotografien ist kein Zufall, sondern das Ergebnis zahlreicher Versuchsreihen mit Farbe, Tonwert und Raum.
Der Schlüssel zu dieser Arbeit liegt für mich im LAB-Farbmodell. Anders als das in der digitalen Fotografie übliche RGB-Modell trennt LAB Helligkeit und Farbe voneinander: Der L-Kanal beschreibt die Helligkeit, während die Kanäle a und b die Farbachsen zwischen Grün–Magenta und Blau–Gelb darstellen.
Entscheidend ist dabei, dass LAB weitgehend geräteunabhängig arbeitet. Während RGB-Farben immer an Kamera, Monitor oder Farbraum gebunden sind, beschreibt LAB Farbe näher an der menschlichen Wahrnehmung selbst.
In meiner Arbeit nutze ich dieses Modell, um Farbstrukturen in hochauflösenden Museums-Scans historischer Gemälde zu untersuchen. Besonders intensiv beschäftige ich mich dabei mit Leben und Werk von Johannes Vermeer. Die aus diesen Analysen gewonnenen Werte überführe ich über ein eigenes Skript aus dem LAB-Modell in fotografische Parameter, die sich anschließend in Programmen wie Lightroom weiterverwenden lassen.
Die Grenzen des LAB-Modells zeigen sich im sogenannten Gamut: Nicht jede im LAB-Raum beschriebene Farbe lässt sich in konkrete Ausgabesysteme wie Monitor oder Druck übertragen. Besonders gesättigte Farben – etwa intensive Rot- oder Grüntöne – liegen oft außerhalb des darstellbaren Bereichs von RGB- oder CMYK-Farbräumen.
In der Praxis bedeutet das: Werte, die im LAB-Modell analytisch sinnvoll sind, müssen bei der Überführung in fotografische oder drucktechnische Prozesse angepasst werden. Farbe ist damit nicht nur Messgröße, sondern bleibt immer auch eine Frage der Übersetzung.
Auf diese Weise verbinden sich Malerei, digitale Analyse und fotografische Praxis zu einem gemeinsamen Arbeitsfeld.
1. Vertikale Achse – L*
beschreibt Helligkeit
unten: 0 = Schwarz
oben: 100 = Weiß
2. Horizontale Achse – a*
Grün ↔ Rot
3. Tiefe Achse – b*
Blau ↔ Gelb
Johannes Vermeer, Das Glas Wein, 1658/60
Das Glas Wein
Auf Stuhl und Tisch wurde eine Cister und Noten beiseitegelegt, möglicherweise ein Hinweis auf das gemeinsame Musikzieren des Paares. Vermeer transformierte hier ein gängiges Thema der holländischen Genremaler. Möglicherweise wurde er von seinem Malerkollegen Gerard ter Borch inspiriert, der ebenfalls das Motiv eines Kavaliers malte, der, die Hand an der Flasche, einer Dame beim Trinken zusieht. Während der Herr in dem Gemälde ter Borchs seiner Dame jedoch den Arm um die Schulter legt, liefert Vermeer keinen expliziten Hinweis auf die Natur der Beziehung seines Paares. Ob der Alkoholgenuss in Ausschweifung enden wird, bleibt ungewiss.
Jan Kelch, Katja Kleinert | 200 Meisterwerke der europäischen Malerei – Gemäldegalerie Berlin, 2019
und wie ich es erfasse:
Ein Sampler-Durchlauf und wie das Ergebnis (Ausschnitt) aussieht:
index;region;row;col;x_px;y_px;L*;a*;b*
0;canvas;0;0;110;133;15.8386;2.5505;-0.9514
1;canvas;0;1;314;133;17.0624;6.4026;4.5194
2;canvas;0;2;518;133;31.7017;10.0679;11.0874
3;canvas;0;3;722;133;15.5853;5.3054;1.9825
4;canvas;0;4;926;133;36.3739;-22.8654;-35.9936
5;canvas;0;5;1130;133;32.1838;-0.3599;-2.1731
6;canvas;1;0;110;380;13.8580;2.6750;-0.9825
Vermeer-Builder 2.0
Zurück zur Fotografie
Die Theorie führt zur Ausführung, sonst bleibt sie leere Magie. Die hier vorgestellten Werkzeuge funktionieren derzeit innerhalb des kommerziellen Systems von Adobe. Gleichzeitig steht die Überlegung im Raum, ein eigenes Framework zu entwickeln, das unabhängig von bestehenden Plattformen arbeitet.
Dafür muss die Aufnahme als strukturierter Datensatz geeignet sein (ich nutze hier einen Begriff aus der IT, gemeint ist die elementare digitale Information der Aufnahme).
Das ist die Phase, in der man sich intensiv mit einem Maler auseinandersetzt. Bei mir geht das so weit, dass ich zur Zeit Montias, Vermeer and his Milieu lese. Ein Standardwerk, in dem anhand des vorhandenen Archivmaterials ein Bild von Vermeer in seinem Umfeld gezeichnet wird. Vornehmlich mit Urkunden die sich mit Besitz, Verleihungen und anderen konkreten Transaktionen im Delft des 17. Jahrhunderts beschäftigen.
Es ist eine Zeitreise. Gleich, ob Vermeer oder ein anderer Meister, zum Beispiel Caravaggio, Rembrandt, oder zeitgenössische Künstler, es ist ein universelles System.
Ein paar Beispiele
Zwei Aufnahmen am Lago di Orta im Piemont.
Die erste heißt „Petit Arc rond et Boutique“. Aufgenommen am Lago di Orta im schönen Piemont. Das Vermeer-Blau ist hier zurückhaltend. Die zweite Aufnahme, ebenfalls aus der Gegend, hat schon einen ordentlichen Schuss Lapislazuli.

Schreibe einen Kommentar